Die Rechung bitte …

Wer seine Schulden bezahlt, weiß wofür er lebt

Der Tod ist die Rechnung
für die Zeche des Lebens.

© Erwin Koch (*1932), deutscher Aphoristiker

Als mein Vater starb, war er so alt wie ich heute, 55 Jahre. Ich war damals 31 Jahre alt. Noch heute bin ich voller Trauer, weil mein Vater so jung gehen musste. 3 Jahre zuvor erlitt er einen Herzinfarkt, u. a. durch Arteriosklerose, sodass er 4 Bypässe benötigte. Nachdem er sich von dieser OP und der Erkrankung erholt hatte, ereilte ihn die Diagnose: Lungenkrebs, an dem er keine 6 Monate nach der Diagnose verstarb. Selbst in den letzten Wochen seines Lebens, immer wenn sich sein Zustand wieder etwas Verschlechterte, sagte er stets: „Ich brauche nicht zu hadern, ich habe dafür getan“. Nie, zu keinem Zeitpunkt, habe ich aus dem Mund meines Vaters Sätze gehört wie: „Warum ich?“, „warum so früh?“, „was habe ich falsch gemacht, dass es mich so ereilt? “. Er brauchte sich diese Fragen nie zu stellen, denn er wusste die Antwort darauf nur zu genau. „Warum ich?“, weil du dein Leben lang Kette geraucht hast. „Warum so früh?“, weil du dein ganzes Leben lang alles mitgenommen hast, was das Leben dir geboten hat. „Was habe ich falsch gemacht …?“, du hast dein Leben genossen mit Übergewicht durch gutes Essen, hast dich nie um deinen Bluthochdruck oder deinen Diabetes geschert, bist nie zum Arzt, hast immer geraucht, hast keinen Sport gemacht, immer schön fettig gegessen, … Ich könnte diese Liste noch lange so weiterführen. Er wusste, dass er an der Situation in der er nun war, er, einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet hatte. Warum also mit seinem Schicksal hadern, wenn man doch jahrelang genau auf dieses Schicksal hingearbeitet hat.

Auch ich habe meine Rechnung bekommen. Meine Zeche sah nicht viel anders aus als die meines Vaters. Nicht nur, dass meine Herzerkrankung auf einen vererbten Gen-Defekt zurückzuführen ist, ich habe mein Leben auch so gelebt wie mein Vater. Ich hatte eine Sturm-und-Drang-Zeit, in der ich das Leben in vollen Zügen genossen habe und alles aufgesaugt habe, was das Leben mir zu bieten hatte. Dabei jedoch wurden mir, von meinen Eltern, die Werte: „Arbeiten gehen“ und „trage deine Verantwortung“ zu jedem Zeitpunkt vorgelebt und abverlangt. Ich kann mich sehr gut erinnern, ich war 16 Jahre alt, als mein Vater zu mir kam und sagte: „Großer (damit meinte er mich), es wird Zeit, dass du Verantwortung für dich selbst übernimmst, ab sofort hast du Ausgang bis zum Wecken. Aber wage dich nicht, auch nur ein einziges Mal zu spät zur Arbeit (Schule und Arbeit war bei uns eins) zu erscheinen.“ Wow… ICH WAR 16… und hab Ausgang bis zum WECKEN … Ich habe es krachen lassen, aber richtig …4 Tage lang … Am 4 Tag sagte ich vollkommen freiwillig gegen 20 Uhr zu meinen Freunden: „Leute, ich kann nicht mehr, ich geh nach Hause schlafen, morgen früh um 6:30 Uhr klingelt der Wecker.“ Zahn gezogen.

Aphorismus
Ein Aphorismus ist ein rhetorisch kunstreich umschriebener einzelner Gedanke. Umgangssprachlich wird ein Aphorismus gerne als Lebensweisheit oder Lebensmotto beschrieben. Den Verfasser eines Aphorismus nennt man Aphoristiker. Erwin Koch war ein solcher Aphoristiker. Er wird mit oft mit seinem Namensvetter, einem Schweizerischen Jurnalist und Schriftsteller verwechselt. Erwin Koch gelang es Einsichten und Ansichten, zu Lebensweisheiten zu formulieren. Leider ist sein Buch über Aphorismen leider vergriffen und nur noch gebraucht zu erhalten. Bei Amazon gibt es hier noch gebrauchte Exemplare. Wenn ich heute eine seiner Aphorismen nenne, so ist das ein „geflügeltes Wort“, ein, auf eine konkrete Quelle (Erwin Koch), zurückführbares Zitat und kein eigener Aphorismus.

Arbeitsam, zuverlässig, fleißig, ehrlich und gerecht waren Werte, die meinen Eltern sehr wichtig waren und damit auch uns Kindern abverlangt wurden. Solange das gestimmt hat, konntest du dir den Rest erlauben. Feiern und dabei über die Stränge schlagen, was den Konsum von Alkohol anbelangt, Fettiges, ungesunde Dinge essen, einfach weil sie lecker schmecken. Alles war ok, solange du im Wertekanon bleibst. Die Zeche für meine Rechnung beinhaltete also Übergewicht, Alkohol, durchzechte Nächte, Rauchen, wenige Schlaf, schlechte Blutwerte, Bluthochdruck, leichte Diabetes, Workaholic, Stress, Bewegungsmangel, Arzt-Abstinenz.

Als mir meine Rechnung präsentiert wurde, hat sich das so angefühlt, als wäre hier wirklich jede einzelne Zigarette, jedes Glas Bier, jede fettige Pizza, die ich in meinem Leben je genossen hatte, aufgeführt. Jeder nicht durchgeführte Arztbesuch, jede Überstundenaktion, jeder Wutanfall, schön sauber aufgeführt. Übrigens, die Frage nach Rabatt erübrigt sich bei dieser Rechnung, den gibt es nicht, und das Wissen wir auch.

nix mit "vegan"

Als mir der Kardiologe sagte, dass ich keine Bypässe brauche, sondern ein neues Herz, war ich noch keine 50 Jahre alt. Da hatte ich vorne noch eine „4“. Als mir der Gedanke „Warum ich, so früh?“ in den Kopf kroch, wusste ich meine Antwort auf diese Frage, noch bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte: „Hadere nicht. Du hast dafür getan“. Wenn du, wie ein PS-Monster durchs Leben rast, brauchst du dich nicht über eine hohe Spritrechnung zu beklagen. Also hör, um Gottes Willen auf zu jammern. Hadern, Jammern und Selbstmitleid sind Eigenschaften, mit denen ich einfach nichts anfangen kann. Sie bringen mich nicht weiter. Wie viel Zeit könnte ich damit verbringen zu fragen „Warum ich?“, ohne jemals eine Antwort darauf zu finden? Ich kenne Menschen die, wie ich finde, sehr viel Zeit in diese Antwortsuche investieren. Dann könnte ich darüber nachdenken, wie viel Zeit dieser Mensch, aus meinem Verständnis heraus, in seine Vergangenheit investiert, anstatt sich auf die Zukunft zu fokussieren und eine Antwort zu suchen, auf die Frage nach dem: „Wie geht es weiter?“.

Ich kann aus der Vergangenheit keinen Anspruch für die Zukunft ableiten. Das bedeutet natürlich nicht, dass jeglicher Blick zurück Zeitverschwendung ist. Daraus eröffnet sich mir die Frage, wann die Betrachtung der Vergangenheit wichtig ist und wann nicht. Das ist immerhin der Maßstab zwischen Zeitverschwendung und wertvoller Zeitaufwand. Aus meiner Gedankenwelt ist das recht eindeutig geregelt. Ich beschäftige mich wissentlich und willentlich bewusst mit meiner Zukunft, stelle mir selbst also häufig Fragen wie „was bedeutet das nun für dich?“, „Was machst du jetzt daraus?“, „Wo soll dich das jetzt hinführen?“, „Was möchtest du, dass daraus entsteht?“, „Wofür ist das jetzt gut?“. Immer wenn ich bei einer solchen, vorwärts gerichteten Fragestellung das Gefühl habe, um eine Antwort zu finden, könnte es hilfreich sein, ein Blick in die Vergangenheit zu werfen, dann betrachte ich die Vergangenheit. Ich unterstelle also: Ein Blick nach vorne, ist immer hilfreich und zieldienlich, ein Blick zurück, kann hilfreich und zieldienlich sein, ist es jedoch nicht immer. Also wäge ich einfach ab. Hilft es mir nach vorne zu gehen, wenn ich jetzt die Vergangenheit betrachte? Ja, dann tue ich es. Nein, dann tue ich es nicht. Jetzt gibt es Zeitgenossen, die an dieser Stelle einfach sagen, dass der Blick zurück immer hilfreich ist, weil er immer Erkenntnisse bringt, die ich in meine Betrachtungen einfließen lassen kann. Das mit den Erkenntnissen mag stimmen, ob ich sie jedoch brauche, die eine andere Sache.

Ich hege den Gedanken im mir, an die Küste zu ziehen. Ich würde gerne im Norden der Republik, in der Nähe der Küste leben. Wenn ich mir überlege, ob ich das tue oder nicht, mache ich mir selbstverständlich, u. a. Gedanken darüber, was mir dort wo ich jetzt wohne gefällt und am neuen Wohnsitz auch sein soll, sowie das, was mir hier nicht gefällt und am neuen Wohnsitz auf keinen Fall sein soll. Ich stelle mir aber nicht die Frage, warum ich dort hingezogen bin, wo ich jetzt wohne. Die Antwort wäre, weil ich aus Frankfurt raus wollte. Ok, ich wollte aus Frankfurt raus. Das bin ich jetzt und wenn ich umziehe. Soll ich jetzt noch ergründen, warum ich aus Frankfurt raus wollte? Ich bin raus und ich werde raus bleiben, warum also damit beschäftigen. So interessiert mich auch nicht, warum ich einst mit dem Rauchen begonnen habe, was mir am Rauchen gefallen hat, und wie viel ich geraucht habe? Ich rauche nicht mehr, weil ich nicht mehr rauchen will, und dabei sind mir die Gründe der Vergangenheit egal, weil sie mir nicht für die Zukunft helfen.

Wie hoch auch immer die Rechnung sein wird, für die Zeche deines Lebens? Zahle den Preis, der auf der Rechnung steht, und hör auf, auf „Pump“ zu leben, denn, wer seine Schulden bezahlt, weiß, wofür er lebt.

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