Leben am Limit

Wenn Überleben zum Hobby wird.

Ich habe höchste Achtung vor Elite-Sportler die z. B. bei Olympia teilnehmen und dort die vorderen Plätze schaffen, so sie es denn ohne Doping dorthin schaffen. Dabei ist mir die Sportart fast egal. Wobei ich eher den Ausdauersportarten zugeneigt bin. So könnte ich im Winter den ganzen Sonntag vor dem Fernseher verbringen und idealerweise den ganzen Tag ausschließlich Biathlon anschauen. So haben die Elite-Sportler zwar meine Hochachtung ob ihrer erbrachten Leistung, gleichwohl sollte man dabei aber auch berücksichtigen, dass der Sport ihre Arbeit ist. Man sollte nicht vergessen, das sind Berufsathleten. Wenn diese Sportler den ganzen Tag nichts anderes machen als für den nächsten Wettkampf zu trainieren, dann relativiert sich da schon wieder einiges. Von diesen Menschen erwarte ich, dass sie Ihren Beruf genauso gut und professionell ausüben, wie ich das auch mit meinem Beruf tue. Leider ist das häufig nicht der Fall, gerade im Fußball kann man erkennen, dass bei so manchem Fußballer Instagram wichtiger ist als das nächste Spiel.

Ich habe eine noch größere Hochachtung, vor ambitionierten Hobbysportlern. Menschen, deren Beruf nicht ihr Sport ist, weil sie einer anderen Arbeit nachgehen. Dort arbeiten sie 5 Tage die Woche, 8 Stunden am Tag, manchmal sogar noch mehr, haben nicht selten Anfahrtszeiten von 1 Stunde und mehr zur Arbeit, und investieren dann ihre komplette Freizeit in ihre Liebe, ihren Sport. Dies Menschen leben und leiden für Ihren Sport. Ich kenne Amateurtriathleten, welche 25 Stunden pro Woche neben der Arbeit trainieren. Das sind im Schnitt 3,5 Stunden Sport pro Tag, wohlgemerkt, neben der eigentlichen Arbeit.

Eine dritte Gruppe wären nun die reinen Amateursportler. Diese Gruppe ist nicht so ambitioniert, dass sie ihre komplette Freizeit für den Sport opfern, sondern zur Arbeit gehen, ein Leben mit Familie und Freund haben und dabei auch noch ein Hobby, ihren Sport. Das sind Menschen, die so ca. 3 – 10 Stunden pro Woche sporteln. Vielleicht mit dem Anspruch beim nächsten Wettkampf besser abzuschneiden wie beim letzten Mal, vielleicht ihre Halb- oder Marathonzeit zu verbessern, schneller-höher-weiter zu kommen als bisher. Das sind wohl Menschen die gerne Sport machen, die aber entschieden haben, dass es im Leben auch wichtigere Dinge gibt wie nur Sport. Nach den Eilte- und Profisportlern, den ambitionierten Amateuren und den normalen Amateuren gibt es dann natürlich noch die Gruppe der „Unsportlichen“. Das sind Menschen, die dem Sport nichts abgewinnen können, also Menschen, die ihre Hobbyaktivitäten nicht im Sport sehen. Auch wenn wir wissen, dass Sport gesund ist, sollte man jedoch auch akzeptieren, dass diese Menschen genauso autonom entscheiden können, kein Sport auszuüben, wie andere eben entscheiden Sport zu machen. Diese Menschen haben eben andere Hobby, weil Sport sie eben nicht interessiert.

Alle diese verschiedenen Gruppen eint, dort wo Sport gemacht wird, egal ob beruflich oder als Hobby, es ist eine Liebe dafür vorhanden. Man macht gerne Sport, oder eben gerne etwas anderes außer Sport.

Unterschiedliche Möglichkeiten im Trainings- und Leistungsniveau bei Gesunden vs. Herzkranken

Bei der letzten Gruppe jedoch, den Menschen mit „Gesundheitlichen Einschränkungen“ sieht die Welt gänzlich anders aus. Hier handelt es sich um Menschen, die einen tiefen Einschnitt in ihre körperliche Unversehrtheit hinnehmen mussten, und die nun gezwungen sind sich in ein „Leben“ zurück zu kämpfen. So kann ich mir nicht vorstellen, dass z. B. ein Mensch, der nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist und tägliche Übungen zur teilweisen Wiedererlangung seiner Fähigkeiten dies aus Liebe zu den Übungen tut. Oder werden auch logopädische Übungen zur Wiedererlangung der Sprache als Hobby formuliert?

Wir kennen Menschen, die solche Schicksalsschläge erleiden mussten, wie Jo Deckarm, Michael Schumacher, Kristina Vogel oder gerade jetzt Alessandro Zanardi. Diese Menschen kämpfen. Sie kämpfen sich zurück, wofür auch immer „zurück“ steht, was auch immer ein „Zurück“ auch ist. Sie kämpfen. Sie machen jeden Tag Übungen, Behandlungen, Sitzungen im Kampf zurück. Diese Gruppe eint, dass sie sich diese Aktivitäten, Übungen, Behandlungen, Sitzungen nicht als Hobby ausgesucht haben.

Sie tun das nicht, weil es erstrebenswert ist, sie tun es, weil erstrebenswertes als erreichbares Ziel erscheint. Man macht logopädische Übungen nicht, weil die Übungen toll sind und man nicht genug davon bekommen kann, man tut es, weil man dann vielleicht wieder besser sprechen kann.

Auch ich zähle mich zu dieser Gruppe. Auch ich kämpfe mich seit einigen Jahren zurück. Mein Kampf zurück begann schon im Krankenhaus. Ich hatte als Risikopatient schon einige Komplikationen zu meistern und so wurde noch im Krankenbett meine „Zuarbeit“ wichtig. Ich erinnere mich noch daran, als ich in der Rehabilitation mit Nordic Walking konfrontiert wurde. Nordic Walking! Das sind die, die mit ihren Stöcken durch die Gegend stapfen, wobei sie die Skier zu den Stöcken zuhause vergessen haben. Na SUPER. Bei den täglichen Ergometer-Übungen begann ich tatsächlich 20 Minuten Ergometer fahren, mit 20 Watt Tretleistung.

Ein Blick nach links offenbarte es, der Blick nach rechts bestätigte es, meine Spielkameraden, rechts und links von mir, waren 90 Jahre alt. Nordic Walking, 20 Watt treten, Treppensteigen, mehr ging nicht mehr. Es war ein sehr harter Aufprall für mich. Ich, der unkaputtbare Manager mit 49 Jahren, ist kaputt und hängt mit Opa und Oma rum. Zukunftsaussicht? Noch ein paar Jahre Nordic Walking, dann Rollator.

Ich wachte in einer für mich sehr schwierigen, weil deprimierenden, Situation auf. In der dritten Woche der Rehabilitation brachten mich 2 km Nordic Walking in 30 Minuten, an meine Leistungsgrenze. Ich stand danach, vollkommen entkräftet, in meinem Zimmer, schaute in den Spiegel und weinte. Wenn ich etwas nicht gut kann, dann ist es „schlecht gelaunt und depressiv sein“. Ich hasse es, wenn ich schlechte Laune habe. Ich mag es einfach nicht. Also trocknete ich meine Tränen und fragte mich, was muss ich wohl tun, um meine Situation zu verbessern? Die Antwort auf diese Frage war extrem einfach: „Nordic Walking lieben“. Was muss ich tun, um meine Kondition zu verbessern „Ergometer fahren lieben“. Was muss ich tun, um mich zurück zu kämpfen „Den Kampf lieben“.

Und genau das ist es, was ich bis heute tue. Ich liebe jede einzelne Übung, jeden einzelnen Mist, den ich machen muss, den ich mir abverlangen muss. Warum, weil ich nur zurückkomme, wenn ich es gerne tue. Ich stellte beim Nordic Walking fest, dass ich ständig Schmerzen im Schienbein hatte. Eine Internetrecherche offenbarte mir, meine Muskulatur ist sehr schlecht trainiert. Was kann ich noch tun? Ich habe mir Zehenschuhen gekauft, um meine Fußmuskulatur zu stärken, ich habe auf einem Bein zu stehen trainiert, um meine Muskulatur zu stärken. Ich bin immer länger immer weiter Nordic gewalkt. Ich bin immer schneller gegangen. Ich habe begonnen zu laufen, statt zu walken. Ich habe begonnen Rad zu fahren, ich habe begonnen zu boxen, ich habe begonnen Yoga zu machen, ich habe begonnen Seil zu springen. Ich trainiere, was auch immer nötig ist um „zurückzukommen“. Was immer ich dazu tun muss, tue ich, und ich tue es gerne, weil es mich stärker macht. Und wenn man mir zeigt, dass auf einem Bein springen und dabei jodeln genau die Punkte stärkt, die mir noch fehlen, dann werde ich zu einem einbeinigen Jodler. Aber zu einem, der leidenschaftlich gerne auf einem Bein jodelt. Denn wenn ich mich innerlich dagegen wehre, das zu tun, was zu tun notwendig ist, dann werde ich es nicht mit Leidenschaft tun.

Und wenn ich es nicht mit Leidenschaft tue, gewinnt die halbe Zeit mein Schweinehund, dann tue ich es gar nicht, oder halbherzig. Halbherzig bringt es mir aber nicht die Ergebnisse, die ich benötige, um „zurückzukommen“. Dabei weiß ich bis heute nicht, was mein „Zurück“ eigentlich ist. Da ich den Weg „Zurück“ jedoch so sehr liebe, glaube ich, ich bin schon lange angekommen.

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