Danke dass du mich hierher gebracht hast

Ich weiß nicht wann ich meinen letzten Atemzug tun werde. Was ich jedoch weiß ist, dass ich bis zum letzten Atemzug keinen einzigen davon freiwillig hergeben werde.

Leider läßt sich eine wahrhafte Dankbarkeit mit Worten nicht ausdrücken.

Johann Wofgang von Gothe

Die Ehe ist wie eine Brücke, die man täglich neu bauen muss. Am besten von beiden Seiten. Aus diesem Betrachtungswinkel heraus habe ich einen grandiosen Brücken-Bausmeister geheiratet. Die Tatsache, dass ich heute dort bin, wo ich bin, habe ich zu einem sehr, sehr großen Teil meiner Frau zu verdanken. Sie ist nicht einfach nur an meiner Seite, egal, was auch geschieht. Sie ist viel mehr als nur das. Sie ist ein Sparringspartner für meine Ideen, sie ist ein Organisator in meinen Projekten, sie ist ein Unterstützer in allen Vorhaben. Aber zu alldem kommt hinzu, dass sie alle meine Phasen mit mir gemeinsam durchlebt und mich dabei mit allen, was sie hat, unterstützt.

Sie musste zurückstecken, von Beginn an. Als Führungskraft arbeitete ich von morgens früh bis tief in den Abend hinein. Im Krankenhaus umsorgte sie mich. In der Reha hat sie mir Kraft gegeben. Heute erträgt sie meine Spleens und lässt mich die Dinge ausprobieren, die ich ausprobieren möchte. Wenn ich etwas für richtig halte und Glaube, dass es mir hilft und mich weiterbringt, geht sie mit. Sie erträgt, erduldet, aber genießt und profitiert auch von all meinen Versuchen, meinen Umbauten, meiner Phasen.

© farbwerke.eu

Ich habe früher als Führungskraft in der IT gearbeitet bis zum Umfallen. Der Begriff “Workaholic” passt sehr gut zu mir. Ich erinnere mich, dass ich für ein Projekt, welches wir unbedingt gewinnen wollten, weil es betriebswirtschaftlich sehr lukrativ für uns war, eine Präsentation vorbereitete. Ich benötigte die ganze Nacht, um diese Präsentation perfekt zu machen. Als ich endlich damit fertig war, fuhr ich nach Hause, es war mittlerweile 7 Uhr morgens. Ich duschte, zog einen anderen Anzug an und fuhr zurück in die Firma, von dort zum Kunden und stellte um 9 Uhr beim Kunden meine Präsentation vor. Was mir nichts ausmachte, war die Tatsache, dass ich die Nacht durcharbeiten musste. Ich fühlte mich, als wäre ich zum Arbeiten geboren. Ich liebte solche Aktionen. Wir gewannen das Projekt. Betriebswirtschaftlich toll.

Aus heutiger Sicht zeigt es jedoch nicht nur, welchen Raubbau ich mit mir und meinem Körper trieb. Ich agierte in einer kompletten Rücksichtslosigkeit mir selbst gegenüber. Was man natürlich nicht merkt, solange man einem solchen Ich-funktioniere-Modus ist, dass man auf alles schaut, nur nicht auf sich selbst. Jeder weiß, dass er irgendwann die Zeche zahlen muss, gleichwohl wollen wir das selten wahrhaben, sodass es nur sehr selten zu echten Verhaltensänderungen kommt.

out of noware happens

your live is your live know it while you have it

Ich mutierte innerhalb weniger Tage vom unkaputtbaren Arbeitstier als Manager zum Herztransplantationspatienten. Ich ging zum Arzt wegen Durchfall und komme als schwer herzkrank zurück. Dabei ist eine Welt für mich zusammengebrochen. Mein ganzes „Sein“ stand für mich auf dem Spiel. Ich habe es zwar sehr schnell geschafft, den Kämpfer in mir zu wecken, ich erinnere mich jedoch an einen Augenblick im Krankenhaus. Meine Frau besuchte mich wie jeden Tag. Die Tage auf der Intensivstation besuchte sie mich 2-mal täglich. Sie besuchte mich an jeden einzelnen Tag und brachte mit „Ihren“ Tomatensalat, „Ihren Gurkensalat“, Obst, einfach Dinge, die ich sehr mag mit. Jeden Tag. Jeden Tag. Meine Mit-Patienten auf der Station kannten sie recht schnell, als an einem Tag einer dieser Patienten sie sah und sagte „Jetzt geht Haralds Sonne auf, da kommt seine Frau“. Sie saß später auf meinem Bett und ich konnte ihre Sorgen in ihrem Gesicht sehen. Und sie hatte große Sorgen. Wir sind Unternehmer, führen eine Firma mit mehreren Mitarbeitern. Es ging hier nicht nur um mein Leben, es ging auch um unsere Existenz, um die Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter, um das Überleben unserer Firma. So blickte sie voller Sorgen in den Raum hinein, schaute zu mir rüber und lächelte. Sie lächelte nur, um mich nicht mit negativen Gedanken zu beschäftigen. Ich weiß, dass meine Frau mich liebt. Ich weiß, dass meine Frau mich immer unterstützt. Ich weiß, dass meine Frau jeden Kampf mit mir zusammen kämpft. Ich weiß, dass meine Frau mich nie allein lässt. All das weiß ich. Das zu sehen ist aber eine ganz andere Sache. Das Wissen um diesen Zusammenhalt adressiert meinen Verstand. Das Sehen dieses Zusammenhaltes adressiert meine Gefühle. So wird ein unfassbar großer Unterschied zwischen „ich weiß es …“ und „ich sehe es…“. Und genau dieses „sehen“ transportiert die Kraft. Diese dringend benötigte Motivation, diesen Kampf anzunehmen. Sie zu sehen ist das Schwert für meinen Kampf. Ihr Tomatensalat lässt mich nicht ruhen, sondern motiviert mich, weiter zu kämpfen. Jeden Tag die nächste Schlacht. All den Hiobsbotschaften, die mich in diesen Tagen zuhauf erreichten, habe ich die Kraft, die meine Frau mir durch ihr aufopferndes Umsorgen gab, entgegengestellt. Wäre ich in diesen Tagen alleine gewesen, ich hätte den beschwerlichen Weg, den ich zurücklegen musste, wahrscheinlich nicht geschafft.

Was ich zum Zeitpunkt des Aufenthaltes im Krankenhaus noch nicht wusste, war, dass nachdem ich Krankenhaus und Rehabilitation hinter mir hatte, fing mein eigentlicher Kampf ja erst an. Ich habe mein komplettes Leben umgekrempelt. Und damit habe ich UNSER komplettes Leben umgekrempelt. Nichts ist heute mehr so, wie es früher war. Alles wurde verändert. Wir haben keinen Stein auf dem anderen gelassen. Und wir sind beide froh darüber, dort zu sein, wo wir heute stehen. Ohne sie hätten wir das nicht geschafft.

Danke dass du mich hierher gebracht hast.

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